Über (Volks-)Musik in der Diaspora
Ich selbst frage mich häufiger, weshalb ich der Ukrainischen Musik und Kultur so viel Raum in meinem künstlerischen Ausdruck im nicht-ukrainischen Ausland gebe. Das hat nicht erst mit der russischen Invasion begonnen, somit ist es kein reiner Ausruf des Widerstands und des Aktivismus. Ich habe in den ukrainischen Liedern und der Sprach — die meine erste Sprache war — auch das erste Mal eine Mystik gespürt, die mich seitdem durch die Kunst und durch das Leben treibt. Zu der Mystik kommt ein Gefühl der Spiritualität, welches mich ergreift, ohne, dass ich mich als spirituellen oder gar religiösen Menschen begreife. Ich spüre das auch, wenn ich bulgarische, bosnische, jiddische, syrische, kurdische und noch so viele weitere Volksmusik und -ausdrücke höre. Aber am Ende komme ich immer zu meiner ersten Sprache zurück, auch wenn ich sie auf einem rein akademisch-intellektuellen Level, nicht so gut beherrsche, wie Deutsch oder sogar Englisch. Ein Teil lässt sich sicher aus einer Entwurzelung erklären, ein anderer vielleicht aus der Sehnsucht die daraus folgte, einer aus der Suche nach Zugehörigkeit, die mir immer weiter weg erscheint, je näher ich mich zu ihr versuche zu bewegen. spätestens seit dem Angriffskrieg bin ich so weit weg von der Realität,, die mein Leben hätte sein können in der Ukraine, wie jeder anderen, der dort nicht ist. Und einen Teil werd ich nicht verstehen, egal wie oft ich meine Füße in den trüben Wogen meines Bewusstseins baumeln lasse. Ich werde es nicht verstehen und wollte es deshalb schon mehrmals unterbinden. Aber ich komme zurück. Zu dem, was mir als Kind ein Gefühl von Unendlichkeit gab in dieser flachen, endlichen, engen, niedersächsischen Steppe, in die hinein, ich aus allen Wolken gefallen bin. Das Gefühl von Wunder und unbestimmter Weite schwang in den ukrainischen Liedern, die ich hörte. Die Sehnsucht ist nicht genug, um darauf zu ruhen und nicht genug, um sie sein zu lassen. Sie scheint sich als ein kryptisches, unscheinbar schönes Wesen um mich zu wickeln und mich in Lieder zu hüllen, aus denen ich kein Entrinnen finde. Das ist es, falls mal wer fragt.